Archiv der Kategorie: Urlaub Mai 2024

Regen in Bardolino II …

… oder der Luxus einer Option

Nach dem Veröffentlichen des Artikels BARDOLINO, 14°, REGEN – DIE FRISUR SITZT bin ich ins Grübeln gekommen.

Was, wenn ich die vor die Entscheidung gestellt würde, ob ich meine Ferien am Gardasee bei Regen oder in Pforzheim bei Sonnenschein verbringen möchte? 
Dabei ist mir erst so richtig bewusst geworden, dass ich  diese Entscheidung überhaupt erst einmal habe.
Damit gehöre ich  einer extrem kleinen, privilegierten Minderheit an, denn für die überwiegende Mehrheit der Menschheit wird es eine solche Option niemals geben.

Mehr noch! Betrachtet man das Ganze unter dem Gesichtspunkt der Menschheitsgeschichte, wird einem noch viel krasser vor Augen geführt, wie gering meine Chance bei meiner Geburt doch war, zu den Auserkorenen zu gehören, die unter all den Menschen, die je auf diesem Planeten gelebt haben, diese Wahl zu haben.

Und doch machen wir uns Gedanken darüber, ob es vielleicht nicht doch besser gewesen wäre, nach – was weiß ich wo – gereist zu sein.

Zeit zur Einkehr. Und zur Demut. Das Wetter passt dazu!

La vita é bella!

Ciao Benaco!

Wieder einmal ein Abschied … 

Doch die alte Melancholie, die mich eigentlich immer befallen hat, wenn ich am letzten Abend auf den See hinunterschaute, ist nicht mehr da.

Dieses Mal ist es anders, vielleicht weil die Tage am See  nur eine Ouvertüre, ein kurzes Vorspiel waren, auf so viel, was noch kommen wird.

Es war schön und auch wichtig, wieder einmal im Mai hier gewesen zu sein. Sicher hat sich viel verändert in all den Jahren, und rings um mich herum lässt eine Unzahl von Kränen vermuten, dass der Wandel noch längst nicht abgeschlossen ist – oder vielleicht sogar gerade erst richtig beginnt.

Und dennoch habe ich dieses Jahr kein ungutes Gefühl. Seit langer Zeit habe ich ihn wieder einmal gespürt. Vielleicht geht es ja nur mir so, dieser See übt eine ganz besondere Magie auf mich aus, die lange Zeit in einer überbordenden Welle respektlosen Konsums auf der einen und ungezügelter Profitgier auf der anderen Seite zu ertrinken drohte.

Welch ein groteskes Bild – ein ertrinkender See!

Doch der Benaco ist zurück. In all seiner Pracht, in all seinen Farben und Gerüchen und mit all der Gewalt, die die Natur sowohl ihm als auch seiner Umgebung verliehen hat.

Für mich hat es etwas ungemein Tröstliches, dass wir Menschen ihm scheinbar nichts anhaben können. Das gibt Hoffnung und Zuversicht.

Morgen geht es aber erst einmal weiter zu einem weiteren Sehnsuchtsort: der Schlern. Und die Wetteraussichten sind perfekt, sodass wir vielleicht bereits in der morgigen Abenddämmerung König Laurin ein Schnippchen schlagen können, und uns im Anblick seines Rosengartens suhlen dürfen.

Fortsetzung folgt …

 

Über Seen, Berge und Zwerge …

die sich zu wichtig nehmen.

Der Geist des Sees war also immer da. Wenn ich ihn lange Zeit nicht mehr gespürt habe, so lag das wohl nicht an ihm.

Als wir am Freitagabend am Passo Nigra vor dem atemberaubenden Rosengartenmassiv standen, entdeckten wir an seiner rechten Flanke einen Lift, der es Skifahren wohl ermöglichen soll, eine noch nicht einmal hundert Meter lange, steile Piste auf einem der heiligsten Wahrzeichen Südtiroler Lebensart hinunterzurutschen.
Welch ein Frevel! Menschen hängen Kruzifixe in Amtsstuben und pissen gleichzeitig aus purer Geldgier der Natur mitten ins Gesicht.

„Wenn ich wieder auf die Welt komme, möchte ich ein Berg werden.“, meinte Ina ehrfürchtig beim Anblick von Laurin und seinem Rosengarten. „Egal, was kommt – ob Eiszeiten, Gewittersturm, oder Gluthitze – ich lasse einfach alles an mir abprallen. Und dann schmeiße ich einfach schmunzelnd immer mal ein paar Lawinen auf die Trottel, die meinen, mich bezwingen zu können.“

Laurinswand und Rosengartenspitze und Schneefeld auf dem Gartl

Wie recht sie hat.

Wir Menschen können Bergen die wüstesten Narben ins Gesicht fräsen, wir können sie sprengen, ihnen in heißen Sommern ihr kühlendes Kleid aus Gletschern vom Leib reißen, das Eis in ihrem Inneren zum Schmelzen bringen, damit ganze Gipfel in die Tiefe stürzen.
Versetzen können wir sie – im Gegensatz zu dem im Volksmund so oft zitierten Irrglauben – jedoch  nie. Ganz egal wie sehr wir an irgendetwas glauben.
Denn auch wenn wir ihre Gipfel zum Einstürzen bringen,  mag das aus unserer Zwergenperspektive durchaus dramatisch anmuten. Doch in er Zeitrechnung dieser ehrwürdigen Kolosse bedeutet ein Menschenleben noch nicht einmal eine Nanosekunde. 
Und so wachsen sie Jahr für Jahr um zwei Millimeter nach. In einem Menschenleben, noch nicht einmal einer Nanosekunde also, etwa sechzehn Zentimeter.

Und wie wir so vor dem phantastischen Massiv standen und auf den Sonnenuntergang warteten, brach die Dämmerung herein – ganz ohne, dass sich irgendetwas auch nur annähernd rötlich einfärbte.

Dennoch waren wir nicht enttäuscht, als wir nach Hause fuhren. Der Eindruck dieses unbeschreiblichen, acht Kilometer breiten Massivs hallte noch nach.
Am Ende des Passes in St. Zyprian angekommen, drehten wir uns noch einmal um – und siehe da: das komplette Massiv strahlte plötzlich und unerwartet in leuchtendem Rot. Ganz offenbar, war der Sonne nur kurze Zeit ein Berg im Weg gestanden.
Nun gut. Das eigentliche „Gartl“, der Schuttkar zwischen Rosengartenspitze und Laurinswand war jahreszeitbedingt noch mit Schnee bedeckt. Doch geleuchtet hat es trotzdem.

Aber zwei wichtige Dinge haben wir beide mit nach Hause genommen:

  • Zwerge neigen manchmal dazu, sich zu überschätzen
  •  [De]Mut zur Umkehr kann [nicht nur in den Bergen] belohnt werden.

Der Geist der Berge war nie weg.

Fortsetzung folgt.

Kapitel 3 – Die Anreise – Teil 2

… oder Calimotos feines Gespür für Unwetter

Die Regenschlacht startete am Mittwochmorgen um zehn vor acht noch relativ entspannt mit leichtem Niesel und endete fast zwölf Stunden und 664 km später um halb acht abends in Biella (ja, ist ja schon gut, hatte ich auch noch nie gehört!) .
Meine verzweifelten Versuche, die schlimmsten Wolkenbrüche zu umfahren, wurden dabei immer wieder von einer App torpediert, deren Entwickler scheinbar einen Algorithmus implementiert haben, der den geneigten Fahrer vor der Dehydration schützen soll.
Heraus kam dabei eine Regen-Odyssee durch sämtliche Tiefdruckgebiete der Alpen, in der ich nahe an meinen bisherigen Rekord von knapp 13 Stunden auf dem Moped herangefahren bin. Allerdings war damals bestes Wetter und es hatten 9 Pässe hinter mir gelegen …🥵
Doch letztendlich war es genau dieses 💩-Wetter, das mich letztendlich in einen Ort verschlug, in dem die Zeit stillzustehen scheint.
Ein Ristorante, wie ich es noch aus der Zeit in Novara, kurz vor meinem Studium, noch kannte. Es hat sich fast nichts verändert – selbst der Preis ist [beinahe] noch derselbe!

 

Kapitel 4 – Sanremo

… oder Live ist what happens while we are busy making plans (John Lennon)

Jetzt ist es also Sanremo geworden.
Nachdem ich bereits klangvolle Etappenziele wie etwa Montreux oder Chamonix in die Tonne treten musste,  ereilte nun auch Menton das Schicksal des Nebenkriegsschauplatzes.
Diesmal gab  allerdings nicht das Wetter den Ausschlag (der Mont Blanc unterscheidet sich wolkenverhangen in tiefstem Regen ohnehin nicht sonderlich vom Katzenbuckel oder vom Wartberg) – vielmehr war es das doch eher bescheiden ausgestattete Budget eines freiberuflich dahinwerkelnden Informatikers, die eine weitere Anpassung der Reiseplanung notwendig machten.
Schlugen kurzfristig buchbare Unterkünfte in Menton zum Zeitpunkt der Reiseplanung noch mit etwa 80-150 € die Nacht zu Buche, so rufen die Hotels auf booking.com  momentan Preise ab 900 € auf.
Grund dafür sind die nur wenige Kilometer entfernt stattfindenden Filmfestspiele von Cannes.
Neben Hollywoods Filmgrößen geben sich dort gerade Baulöwen, Ölmagnaten oder Vermögensberater(#sehrschnellwegduck😁) die Klinke in die Hand.
Seltsamerweise habe ich dadurch jetzt tatsächlich noch einen Tag dazu gewonnen. Denn eigentlich wäre ich heute erst in Guillaumes und müsste noch durch eine dicke Regenwand runter zur Côte d‘ Azur. Jetzt bin ich im sonnigen Teil angekommen und sitze hier in einer herrlich italienischen Stadt, die nach einer Heilbronner Pizzeria benannt ist.
Heute früh, sehr, sehr früh, als die meisten hier noch schliefen, habe ich sie zu Fuß erkundet.

 

Jetzt dann werde ich die Grand Corniche fahren und am Sonntag bei voraussichtlichem Kaiserwetter endlich Tulles Schluchten!🤗

Steij Tjund!

Kapitel 6 – Die Seealpen und die Var-Schlucht (Danke, Tulle!)

Die wirklich spektakuläre Tour führt entlang des Var, einem typischen Gebirgsfluss aus den französischen Seealpen, der  hinter Nizza ins Mittelmeer mündet. Von dort geht es  über Entrevaux durch atemberaubende Schluchten  hinauf in das beschauliche Städtchen Guillaumes.
Rechts ab führt eine kleine Passstraße hinauf in den beliebten Wintersport- und Sommerwanderort Valberg, von wo man über eine breite, gut ausgebaute Straße wieder nach Beuil hinunterkommt.
Durch die Schlucht der Ciane fährt man dann zurück bis zu deren Mündung in den Var.


Trotz der wirklich fantastisch zu fahrenden Straßen möchte man nach jeder Kurve anhalten, weil sich immer neue, noch atemberaubendere Aussichten auftun. Leider kann eine Kamera diese Bilder nur bedingt einfangen,  ich habe es dennoch versucht.

Kapitel 10 – adieu corse!

oder Schö immer no nä pa parl frongsä…😁

… und das wird wohl auch nichts mehr.

Kann es sein, dass mehr als ein ganzes Jahrhundert kriegerischer Auseinandersetzungen einfach nur an der Inkompatibilität zweier Sprachen gelegen hat?
Ganz ehrlich, ich habe mein bestes gegeben! Und wer mich noch aus meiner Schulzeit kennt, weiß, wie viel das sein kann.🤣
Aber was, zur Hölle, reden die denn da?
Ihr fröhlicher und aufgeschlossener Blick lässt vermuten, dass es etwas wirklich Nettes ist, und dass diese Menschen tatsächlich bereit sind, mir etwas Gutes zu tun. Doch so sehr ich mich auch bemühe – aus ihren genuschelten Vokalen und den für mich unkoordinierten Zischlauten – die im Übrigen regional deutlich abweichen können –  kann ich einfach nichts heraushören, das in den Ohren eines altphilologisch verbildeten (s. Kapitel 8) Boomers irgendwie vertraut klingt. Ich habe Jahre gebraucht, um zu begreifen, dass die mich nicht anbellen, sondern dass das Wort ouï nur im deutschen gymnasialen Umfeld „[wi]“ ausgesprochen wird. Ein französischer Muttersprachler bellt dir stattdessen ein ziemlich bedrohlich wirkendes „WÄ“ entgegen.
Weil ich, wie man weiß, gelernt habe, in allen Lagen höflich zu bleiben, starte ich den Versuch, meiner Hilflosigkeit  in solchen Situationen etwas Würde und Anstand zu verleihen und antworte dann verlegen lächelnd mit einem aus Respekt vor der Muttersprache meines Gegenübers für meine Verhältnisse ziemlich perfekt klingenden „Schö nä pa parl frongsä.“
Als Pragmatiker biete ich auch umgehend eine für mich auch vollkommen passende Option für einen Ausweg aus dem entstandenen Kommunikationsdilemma mit an, indem ich umgehend ein hoffnungsschwangeres „Du ju schpiek inglisch?“ hinterherschiebe.
Kennt jemand von euch auch den Blick einer – bis zu diesem Zeitpunkt noch beruflich äußerst engagierten – jungen Lehrerin, wenn sie euch liebevoll aufmunternd zulächelnd eine Frage gestellt hatte, von der sie annehmen musste, dass selbst ihr sie beantworten könntet,  euer Lösungsangebot jedoch auf schallendes Gelächter der gesamten Klasse gestoßen ist?
Mag ja sein, dass es daran liegt, dass sich meine französischen Freunde  durch meine vielleicht doch nicht so ganz lupenrein wie gewollte Artikulation etwas provoziert fühlen, vielleicht könnte ein Grund auch darin liegen, dass ich  mit meinem auf der englischen Sprache basierenden Alternativvorschlag gleich noch einen weiteren Erbfeind ins Feld geführt  habe – jedenfalls erinnert mich deren Reaktion doch sehr an die meiner schulischen Erziehungsbeauftragten, die sich einfach nur angewidert von mir abwendeten und mit einer kopfschüttelnd abwinkenden Geste  „Okay, ich hab es wenigstens versucht!“ seufzten.

Natürlich habe ich hier letztendlich doch immer bekommen, was ich wollte. Oder zumindest so etwas Ähnliches.
Wenn beispielsweise mein altphilologisch geschulter Zeigefinger auf einen Menüpunkt in der Speisekarte deutete, den ich mir vorsichtshalber zuvor auf PONS hatte übersetzen lassen (man hört ja die schlimmsten Dinge, was die hier so alles essen!).
Oder ich habe, wie viele ältere Touristen hier, einfach die  in Scharadespielen erworbenen Fähigkeiten zur lautlosen Kommunikation eingesetzt – allerdings nur, wenn ich mich mit meinen Gesprächspartner*innen alleine wähnte.

Wie dem auch sei …
So sehr ich bedauere, diese wilde und unsagbar schöne Insel morgen verlassen zu müssen, so sehr freue ich mich, wieder italienischen  Sprachboden unter den Füßen zu haben.
Auch wenn ich Italienisch nur ziemlich dilettantisch zu sprechen vermag, verstehen tu ich sie eigentlich recht gut (nicht nur sprachlich), und das schützt vor Blicken, die traumatische Erinnerungen an meine Schulzeit antriggern.

Kommen wir nun endlich zu meiner letzten größeren Tour hier in Korsika, denn morgen ist der Strand zwischen Porto Vecchio und Bonifacio angesagt, von wo aus ich dann auch die Insel mit der Fähre gen Sardinien verlassen werde.

Es begann früh morgens um sieben wollte ich eigentlich von Corte aus das Restonica-Tal bis ganz nach hinten fahren. Doch nach fünf Kilometern war leider Schluss. Die Straße ist ab da gesperrt, was ich  auch ganz gut finde. Vielleicht sollten wir viel mehr kostbare Schönheiten davor schützen, achtlos konsumiert  zu werden. Wer sie wirklich erleben will, sollte sie erwandern, nicht erfahren.
Nebenbei bemerkt: Für Menschen mit Handycap gibt es übrigens einen täglich verkehrenden Shuttle-Service.
Doch auch schon die ersten fünf Kilometer lassen den bezaubernden Charme dieser Schlucht erahnen. 
Hier erst einmal ein weiterer Versuch, die Fahrt zu dokumentieren:

Meine selbstgebastete GoPro😂! Diesmal hielt ich die Kamera nicht wie in am Var in der Hand, sondern hatte sie in meine Motorradjacke gesteckt.

Und noch ein Blick in die Schlucht:

 

 

So, das war es für heute.
Da ich euch aus ästhetischen Gründen Bilder von mir am Strand vorenthalten möchte, bekommt ihr den Bericht der Abschiedstour von Corte nach Porto-Vecchio dafür morgen.
Würde sonst auch zu lange werden, denke ich.

Kapitel 11 – Ab in den Süden

Gestern habe ich mit dem Restonica-Tal aufgehört und heute fange ich erst einmal mit Bonifacio an.
Weil es dafür einfach keine großen Worte gibt. Ich weiß nicht, ob die Bilder wirklich auch nur einen Hauch von dem Erleben erzählen können, aber versuchen können wir es ja mal …

Leider rauscht der Wind ins Mikrofon, daher kommt die unbeschreibliche Stille nicht rüber. Es ist nicht diese totale Stille, die es nur in der Bergen gibt, wenn abends niemand mehr Lärm macht und auch die Kühe schon schlafen.
Es ist eine andere Art von Stille, denn das Meer rauscht und plätschert vor sich hin, während einem eine kühle, sanfte Prise um die Nase weht und die Sonne auf den Bauch scheint.
Und es ist niemand da.
Unfassbar! Ein ganzes Stück Strand nur für mich ganz alleine! Über Stunden!
Kann es eine schönere Allegorie für den Begriff Glück geben?
Kitsch?
Vielleicht! Aber irgendwo mögen wir ja doch alle irgendwie Kitsch.

Und doch war dieser Kitsch etwas Anderes. Nicht menschengemacht, nicht fiktiv erzählt. Er war einfach ein Geschenk von der Natur an mich. Unverdient wahrscheinlich, aber spielt das eine Rolle, wenn es niemandem schadet? 
Ich habe den Moment sehr genossen.

Für die Calimoto-Tourendetails Bild anklicken



Doch nun zum letzten Teil meine Korsika-Ausfahrt von Corte nach Porto-Vecchio.
Er führte mich durch das zentrale Gebirge von Korsika, das in etwa mit dem Schwarzwald vergleichbar ist – nur halt unberührter, weniger geleckt.
Nach der unglaublichen Traumstraße tags zuvor hatte ich etwas Bammel, dass ich das nicht mehr richtig zu schätzen wissen könnte.
Doch weit gefehlt. Korsika hat sooooo viel zu bieten! Erneut führten mich weiche, samtene Kurven durch die wilde Schönheit einer weitgehend sich selbst überlassenen Natur.
Mal karge, dünn überwachsene Hügel, mal wildwuchernde Wälder, dann wieder schroffe Felsen, an denen sich die farbenfrohsten Blümchen festkrallten, als ob sie das nackte Gestein für den Betrachter schmücken wollten.
Und eh ich mich versah, war er wieder da, der Flow. Korsika hat so unglaublich viele schöne Straßen, in denen man sich einfach fallenlassen kann und den genoss ich auch wieder wirklich sehr, bis ich fast – aber halt nur fast – am Ziel war.


Dann bat mich meine App, rechts abzubiegen. Ein Wunsch, dem ich sofort nachkam, hat sie mich doch wirklich bislang gut und sicher an jedes Ziel hier gebracht.
Doch was dann kam, war der blanke Horror. Ich erzähle hier keine Details, nur vielleicht ein kleiner Hinweis für alle, die es betrifft:
Ich weiß, dass es für Zweiradspezialisten immer eine ganz besondere Herausforderung ist, auf krassen, engen, mit  in den Fels gesprengten Spitzkehren gespickte Pisten zu befahren.
Deshalb biegen sie gerne von diesen für sie wohl eher langweiligen Hauptrouten ab und kämpfen sich kraxelnd den steilen Berg hoch.
Um sich und der Welt etwas zu beweisen?
Was eigentlich genau?
Sich ein Motorrad leisten zu können, das eine solche Ochsentour mitmacht? Denn das tut schließlich die Arbeit, nicht der Pilot.
Diese Wege sind nicht für uns gemacht. Sie dienen den Bauern, um sich für ihr karges Leben in den Bergen einmal in der Woche mit dem Lebensnotwendigen zu versorgen.
Und ich kann mir sehr gut vorstellen, dass diese Menschen es nicht allzu sehr schätzen, wenn ihr beschauliches Leben täglich mehrfach von Horden lärmender und stinkender Vehikel gestört und mitunter auch gefährdet wird (mir ist ein solches Beispiel bekannt).
Dort laufen Hunde und Ziegen frei auf den Straßen. Und manchmal auch spielende Kinder, weil sie das dort früher einmal  durften, als noch niemand in den Ort kam, der das nicht wusste. Sie können nicht verstehen, warum das jetzt nicht mehr geht, und tun das manchmal halt trotzdem noch.
Denn inzwischen gibt es Apps, die Touren nach der Anzahl der Kurven pro Kilometer bewerten. Da liegen solche Strecken eben ganz weit vorne. Und KI tut den Rest dazu: Je mehr Freizeit-Agostinis die Hänge hoch fräsen, desto wahrscheinlicher wird es, dass dem nächsten Fahrer das Teilstück in die Route hineinberechnet wird – ob er das will oder nicht.
Und so wird aus einem besseren Feldweg, der durch eine kaum besiedelte Gegend führt plötzlich eine Hauptverkehrsader.

So sei mir an dieser Stelle ein kleiner Appell an meine Mitstreiter auf zwei Rädern erlaubt: Einmal kurz darüber nachdenken, ob Motorradausflüge auf engen, fast unbefahrbaren Wegen wirklich so grandios  sind, wie man sich erzählt.
Und wenn das einige tun, fallen die Ratings dieser Teilstrecken von ganz alleine aus der Verlosung.

So! Jetzt muss aber ich meine Sachen packen, denn um sieben soll ich am Hafen sein. Die Fähre nach Sardinien wartet nicht …

Steij tjund!

Kapitel 14 II – Zurück ins Hotel

Einen geeigneten Rückweg von Iglesias nach Orosei zu finden gestaltete sich heute früh schwieriger als gedacht.
Denn entweder musste ich nahezu denselben Weg noch einmal fahren, was  sicherlich nicht schlimm gewesen wäre,  wenn es hier nicht noch so vieles gäbe, das ich unbedingt noch sehen will.
Doch egal, wie ich es auch drehen und wenden mochte, eine neue Strecke ohne die Superstrada SS130 zu nutzen kam in der Summe weit über 400 km. Wenn ich die ersten 40 km auf ihr hinter mich bringen würde, könnte ich anschließend über den bekanntermaßen sehr reizvollen südwestlichen Teil der SS 125 zurückfahren.
Lisbeth war nicht eben begeistert. Sie wollte einfach nicht mehr nur geradeaus fahren.
Überhaupt, benahm sie sich etwas seltsam. Wie sie überhaupt aussähe! Von oben bis unten noch voll vom Sand des Berchidastrandes!
Und dann fing sie erneut mit ihrem Namen an. Für mich war das Thema längst abgehakt. Pustekuchen!
Plötzlich wollte sie „Thin Lizzy“ genannt werden. Weil sie ja auch schwarz ist, und das hätte Herrn Ford bestimmt gefallen.
Als ich sie darauf hinwies, dass „Thin Lizzy“ der Name einer ehemaligen irischen Rockband ist, und Henry Fords T-Modell „Tin Lizzy“, also Blechliesel genannt wurde, wirkte Lisbeth dann irgendwie verstört.
Ich versprach ihr, dass ich sie, sobald wir wieder in Orosei sind, waschen  und ihre Kette neu ölen werde.

Das heiterte ihre Stimmung etwas auf, und so fuhren wir zusammen die insgesamt 290 km zurück. Nach der grandiosen Tour gestern natürlich kein wirkliches Highlight mehr, vielleicht auch weil unterwegs schwere Gewitterwolken aufzogen, die uns allerdings nur peripher trafen, richtig nass wurden wir nicht. 
Im Hotel angekommen, löste ich mein Versprechen auch ein. Ich fuhr sie zur Waschanlage und gab ihr nach insgesamt 3.500 km auch ihre zweite Ölung, die hoffentlich noch lange nicht die letzte sein wird.
Erst als ich dann vom Essen zurückkam, begann ich allmählich den wahren Grund für Lisbeths eigenartiges Verhalten zu verstehen:

Sie hatte sich verknallt! In eine Harley!!!😱
Ich habe ihr versprochen, dass wir morgen zusammen mit der Harley ausfahren werden  – das fand sie knorke!🙄

Okay, okay, okay! Tulle macht sich allmählich schon Sorgen um meinen Gemütszustand, aber ich kann euch beruhigen.
Meine Therapeutin meinte, es sein vollkommen normal, Dinge zu personifizieren, die einem wichtig geworden sind.🤣
Aber ich gelobe, ich werde nur noch ganz selten mit Lisbeth reden. Seit heute Abend will sie das auch nicht mehr. Es sei ihr peinlich. Erwachsene Hondas bräuchten keinen Namen, meinte sie.
Aber jetzt ist wirklich Schluss!(Ganz großes Ehrenwort! 🤞😜)

Grafik anklicken Für ausführliche Calimoto-Tour

Wie schon erwähnt, der heutige Weg zurück war auf den ersten Kilometern von Iglesias nach Sestu etwas mühselig, doch nach ner knappen Stunde und etwa 40 Kilometer später, ging es über die SP9. Kurz vor Ussana zweigten wir auf die SP10 und die SP11 ab und durch eine wirklich herrlich abwechslungsreiche Landschaft führte unser  Weg dann zur grandiosen SS387.  Kurz nach Sant Andrea Frius schlängelt sich die Passstraße SP24  in sanften Kurven hinauf nach San Basiio, wo es  auf der SP23 wirklich wieder kilometerlang nur noch genial kurvig wird.  Sie ändert ab und an ihren Namen (#sefz🙄), wird zur SP21, SP22, SP117, dann wieder SP22, SP21, SP13 … (Lisbeth verstand sich prächtig mit der Straße 😁😜), doch ihre herrliche Charakteristik behielt sie bei, bis wir über einige Pässe hinweg auf der Genna é Crersia auf die legendäre alte SS125 stießen.
Ein stückweit kürzten wir die Tour dann über die SS 390 ab, bevor wir  wieder auf der SS 125 zurückfuhren.

Alles in allem, und bei dem Betrachten der Bilder doch eine ganz nette Tour. Nur an die von gestern kam sie nicht ran…
Morgen also der versprochene Duo-Ritt mit der Harley an den Strand von San Lucia. Da bin ich ja mal gespannt!

Steij Tjund

Kapitel 16 – Alles hat ein Ende … 😥

… und diesmal tut es auch ein bisschen weh.
Mag sein, dass es die Aussicht darauf ist, dass bald das ganze Abenteuer vorbei sein wird, vielleicht ist es auch meine bereits in Bardolino wiederentdeckte italophile Seite, oder vielleicht sind es auch meine beiden späten, aber dafür umso netteren Reisebegleiter Rebekka und Salvatore, die sich am letzten Abend als durchaus ernstzunehmende Trinkpartner erwiesen hatten.
(Lediglich der Herr hatte am nächsten Tag etwas mit den inzwischen doch sommerlich gewordenen Temperaturen auf Sardinien zu kämpfen …😆)

Und da sind wir auch schon bei einem Punkt, den ich über all die Tage einfach so hingenommen habe: Über die ganze Zeit hielt sich das Wetter auf beiden Inseln angenehm zurück. Wie toll es ist bei 23° C Moped zu fahren, weiß man erst wieder richtig zu schätzen, wenn man bei 30° C  zur Fähre nach Olbia fährt.
Nach der wirklich bitter verregneten Anfahrt hatte ich wirklich nur noch Glück, und dafür sollte ich wohl auch ein wenig demütig und dankbar sein – denn jetzt kehrt der Sommer auf Sardinien ein. Am Wochenende sollen es bis über 40° C werden.
Na dann!🥵
Ein weiterer Grund, Italien so schnell wie möglich zu verlassen, ist, dass ich erst auf der Fähre so richtig gemerkt habe, wie ungesund das Inselklima für ausländische Klamotten sein kann, die an die salzhaltige Luft einfach nicht gewohnt sind. Mein Hemd wirft plötzlich seltsame und äußerst unappetitlich anzuschauende Bögen zwischen den Knöpfen, und auch die Jeans kneift ein wenig im Bauchbereich und im Schritt. 🤔
Im gestern von mir eröffneten Wettstreit zwischen Savoir vivre und Dolce Vita geht dieser Punkt eindeutig an Frankreich! Dort sind sie wesentlich pfleglicher mit meiner Bekleidung umgegangen!😁

Ach ja seufz… Hier noch ein paar letzte Impressionen eines neu hinzugekommenen Sehnsuchtsortes von mir.

Steij Tjund – es kommt noch was!