Archiv der Kategorie: Korsika & Sardinien 2024

Kapitel 1 – Der Block (Nerds würden das jetzt sicherlich Blog nennen)

Einige von euch werden sich jetzt sicherlich fragen, was einen normalen Menschen dazu treibt, fragwürdige Urlaubserlebnisse für alle sichtbar im Internet zu veröffentlichen.

Diese Frage ist grundsätzlich nicht unberechtigt, allerdings setzt sie voraus, dass der Blockautor (Nerds würden ihn Blogautor nennen) normal ist. 
Bei unserem Schreiberling ist das – wie dem ein oder anderen Leser in den letzten Jahrzehnten sicherlich nicht entgangen sein dürfte – nicht so wirklich gesichert.

Zum einen  verfügt er, wie alle narzisstisch gestörten Selbstdarsteller, über ein überdimensioniertes Sendungsbewusstsein.
Zum anderen plagen ihn schon seit mehreren Jahren zusehends Erinnerungslücken, die sich auf diese Weise bei Bedarf jederzeit und allerorts aufs Trefflichste schließen lassen.
Des weiteren kann die regelmäßige Berichterstattung Hinweise auf den momentanen Aufenthaltsort des Protagonisten geben. Sollte also wider Erwarten der Block (Nerds würden das jetzt wahrscheinlich Blog nennen) über mehrere Tage ruhen, wisst ihr, wo ihr unter keinen Umständen nach ihm suchen solltet, um ihn nicht versehentlich doch noch zu finden.😁

In diesem Sinne wünsche ich euch gute Unterhaltung beim Lesen!

Euer Alpha-Blocker

PS: Stei tjund! Ab 22.5. gibt es jeden Abend Neues!

 

Kapitel 2 – Die Anreise – Teil 1

Beste Bedingungen!

Natürlich kann man bei jedem Wetter Motorradfahren.
Kann man – muss man aber nicht.
In Ermangelung eines Uboots hat der Protagonist nach mehrstündigen Beratungen den Beschluss gefasst, seine Abreise auf den 22.5.2024:700 zu verschieben – selbst wenn die Verspätung unter Umständen zum Wegfall von Teiletappen führen kann.
Schluchten machen eben auch bei Regen und Nebel nicht wirklich Spaß.

Wir berichten …

Kapitel 3 – Die Anreise – Teil 2

… oder Calimotos feines Gespür für Unwetter

Die Regenschlacht startete am Mittwochmorgen um zehn vor acht noch relativ entspannt mit leichtem Niesel und endete fast zwölf Stunden und 664 km später um halb acht abends in Biella (ja, ist ja schon gut, hatte ich auch noch nie gehört!) .
Meine verzweifelten Versuche, die schlimmsten Wolkenbrüche zu umfahren, wurden dabei immer wieder von einer App torpediert, deren Entwickler scheinbar einen Algorithmus implementiert haben, der den geneigten Fahrer vor der Dehydration schützen soll.
Heraus kam dabei eine Regen-Odyssee durch sämtliche Tiefdruckgebiete der Alpen, in der ich nahe an meinen bisherigen Rekord von knapp 13 Stunden auf dem Moped herangefahren bin. Allerdings war damals bestes Wetter und es hatten 9 Pässe hinter mir gelegen …🥵
Doch letztendlich war es genau dieses 💩-Wetter, das mich letztendlich in einen Ort verschlug, in dem die Zeit stillzustehen scheint.
Ein Ristorante, wie ich es noch aus der Zeit in Novara, kurz vor meinem Studium, noch kannte. Es hat sich fast nichts verändert – selbst der Preis ist [beinahe] noch derselbe!

 

Kapitel 4 – Sanremo

… oder Live ist what happens while we are busy making plans (John Lennon)

Jetzt ist es also Sanremo geworden.
Nachdem ich bereits klangvolle Etappenziele wie etwa Montreux oder Chamonix in die Tonne treten musste,  ereilte nun auch Menton das Schicksal des Nebenkriegsschauplatzes.
Diesmal gab  allerdings nicht das Wetter den Ausschlag (der Mont Blanc unterscheidet sich wolkenverhangen in tiefstem Regen ohnehin nicht sonderlich vom Katzenbuckel oder vom Wartberg) – vielmehr war es das doch eher bescheiden ausgestattete Budget eines freiberuflich dahinwerkelnden Informatikers, die eine weitere Anpassung der Reiseplanung notwendig machten.
Schlugen kurzfristig buchbare Unterkünfte in Menton zum Zeitpunkt der Reiseplanung noch mit etwa 80-150 € die Nacht zu Buche, so rufen die Hotels auf booking.com  momentan Preise ab 900 € auf.
Grund dafür sind die nur wenige Kilometer entfernt stattfindenden Filmfestspiele von Cannes.
Neben Hollywoods Filmgrößen geben sich dort gerade Baulöwen, Ölmagnaten oder Vermögensberater(#sehrschnellwegduck😁) die Klinke in die Hand.
Seltsamerweise habe ich dadurch jetzt tatsächlich noch einen Tag dazu gewonnen. Denn eigentlich wäre ich heute erst in Guillaumes und müsste noch durch eine dicke Regenwand runter zur Côte d‘ Azur. Jetzt bin ich im sonnigen Teil angekommen und sitze hier in einer herrlich italienischen Stadt, die nach einer Heilbronner Pizzeria benannt ist.
Heute früh, sehr, sehr früh, als die meisten hier noch schliefen, habe ich sie zu Fuß erkundet.

 

Jetzt dann werde ich die Grand Corniche fahren und am Sonntag bei voraussichtlichem Kaiserwetter endlich Tulles Schluchten!🤗

Steij Tjund!

Kapitel 5 – Die Grand Corniche

Unter Europas Straßen gibt es wohl kaum einen klangvolleren Namen als die Grand Corniche. Wahrscheinlich braucht La Grande Nation eben auch eine Grand Corniche.

Hm. Dazu später etwas mehr.

Durch Wolkenbrüche auf meiner Reise in den Süden etwas nach Osten abgedrängt, erreichte ich bei Savona und Sonnenschein die SS1. Die charmante Küstenstraße verbindet von Rom und Ventimiglia.

Aufmerksamen Leser*innen wird nicht entgangen sein, dass die Wegstrecke  von Biella nach Sanremo bislang undokumentiert blieb.
Doch das hat einen Grund: Die SS1, die von ihren Kennern und Liebhaber gerne auch Via Aurelia genannt wird.
Auf der zweiten Etappe meine wasserreichen Anreise durfte ich sie zum ersten Mal kennen- und lieben lernen.
Nicht unwesentlich dabei war sicherlich auch der Fakt, dass Regen an italienischen Küsten offenbar verboten zu sein scheint.
Doch der abwechslungsreiche und abenteuerliche Charme dieser Straße hat mich vom ersten Moment an in seinen Bann gezogen.
Zum einen sind da diese Ortsdurchfahrten, bei denen das einzig vernünftige Verkehrsmittel tatsächlich eine Vespa ist. Und wenn man auf den schmalen Hauptstraßen zwischen Bergen und Meer unterwegs ist, begreift man sofort, warum sie genau so heißen müssen.
Sie sind schnell, wendig und kommen von überall her, um in jede Lücke zu stechen.
Eine Weile habe ich dem emsigen Treiben hinterhergesehen, bis mich der verständnislose Blick eines Taxifahrers dazu animierte, es ihnen mit meiner dicken fetten Hummel nachzutun. Anfangs zugegebenermaßen noch etwas schüchtern und unbeholfen wurde ich allmählich immer mutiger. Und siehe da: Nach einer Weile floss es ganz natürlich. Nicht etwa, weil meine Supermoto plötzlich wendig wie eine Wespe geworden wäre.
Nein, weil ich begriffen habe, dass man in diesen kleinen Städtchen aufeinander aufpasst. Sie mögen hupen und laut schimpfen, mit Fäusten drohen und dich beleidigen oder, schlimmer noch, deine Mutter eines unehrenhaften und anstößigen Lebenswandels bezichtigen – doch sie machen dir dabei immer Platz. Niemals würde sich einer von diesen Menschen in den Weg stellen oder dich sogar umfahren, weil er im Recht ist.
Die meisten Autofahrer nehmen noch nicht einmal mehr Kenntnis von dir, weil sie wissen, dass sie auch nicht schneller vorankommen, wenn sie dir keinen Platz machen.

Doch sobald man eine dieser vor umtriebiger Lebensfreude sprühenden Städte verlässt, zeigt die SS1 ihr wahres, unvergleichliches Gesicht. Elegant schlängelt sie sich durch die Berge, wo Klippen und Steilhänge es erfordern. Das tut sie nicht etwa in widerlichen zu fahrenden Spitzkehren wie am Stilfzer Joch – obwohl das beim Bau wahrscheinlich die einfachere Variante gewesen wäre.
Die SS1 verkörpert die italienische Lebensart und folgt einfach nur dem Gesetz der Schönheit.
Das macht es dem Gast nicht einfach, sich zu entscheiden. Genießt man die berauschende Sicht über die atemberaubenden Buchten mit dem tiefblauen Wasser oder lässt man sich hinreißen und reizt die einfach grandios zu fahrenden Kurven etwas aus?

Aber Obacht! Beides zusammen ist ungesund und endet schnell in einer Katastrophe. Denn die SS1 verzeiht vieles, sicher aber keinen Leichtsinn.

Und diese SS1 endet dann bei Grimaldi di Ventimiglia, wo sie nach der Grenze in Menton zur D 6007 wird, und dann eben zu jener vielzitierten Grand Corniche.
Und was soll ich sagen?
Gegen die SS1, die nach Ventimiglia bis zur Grenze noch einmal so richtig Spaß macht, stinkt die Corniche mächtig ab.
Wer auf wie an Bindfäden aneinander gereihte Yachten russischer Oligarchen und von Bausünden verpestete Buchten steht, darf sich gerne in die Unzahl der Fotografen einreihen, die sie säumen, um mit ihren Urlaubsfotos den Nimbus einer doch eher bescheidenen Bergstraße noch weiterzupflegen. 

Die wahre Königin ist ganz woanders. Und dahin fahr ich jetzt wieder zurück!😉

Kapitel 6 – Die Seealpen und die Var-Schlucht (Danke, Tulle!)

Die wirklich spektakuläre Tour führt entlang des Var, einem typischen Gebirgsfluss aus den französischen Seealpen, der  hinter Nizza ins Mittelmeer mündet. Von dort geht es  über Entrevaux durch atemberaubende Schluchten  hinauf in das beschauliche Städtchen Guillaumes.
Rechts ab führt eine kleine Passstraße hinauf in den beliebten Wintersport- und Sommerwanderort Valberg, von wo man über eine breite, gut ausgebaute Straße wieder nach Beuil hinunterkommt.
Durch die Schlucht der Ciane fährt man dann zurück bis zu deren Mündung in den Var.


Trotz der wirklich fantastisch zu fahrenden Straßen möchte man nach jeder Kurve anhalten, weil sich immer neue, noch atemberaubendere Aussichten auftun. Leider kann eine Kamera diese Bilder nur bedingt einfangen,  ich habe es dennoch versucht.

Kapitel 7 – Addio Sanremo! Ciao La Pigna!

Ich muss gestehen, dass ich unter normalen Umständen wohl nie auf die Idee gekommen wäre, eine dieser Städte an der ligurischen Küste zu bereisen. Mit  gefühlten Millionen, am Strand symmetrisch aneinandergereihten Liegestühlen sind sie für mich auch noch immer Sinnbild einer aus den Fugen geratenen Entwicklung im Tourismus, in denen schnöder Kommerz eine einzigartige, von der Natur geschenkte Schönheit geradezu grotesk entstellt.
Doch Sanremo hat auch noch ein anderes Gesicht: La Pigna, die etwas höher gelegene ursprüngliche Altstadt. Mit dem typischen Charme alter italienischer Städte, den ich so liebe, weil sie mit ihrer altehrwürdigen Patina durch Jahrhunderte hindurch jeglichem Zeitgeist wahre und unaufgeregte Schönheit entgegenzustellen wussten, zog sie mich von ersten Moment an geradezu magisch in ihren Bann  wie einst Siena, Rom oder Palermo.
In jedem Fall noch eine Reise wert, auch wenn ich wohl auch das nächste Mal den  lauten Strand eher meiden werde.

Doch jetzt ist es an der Zeit, weiterzugehen.
Wie auf dieser Reise üblich, etwas anders, als ich es geplant, umgeworfen und wieder neu geplant hatte. Corsica Ferries hat mich informiert, dass sie meine morgige, bereits vor Monaten bezahlte Überfahrt von Nizza nach Bastia nicht durchführen werden.

Immerhin noch einen Tag vorher, sodass ich gerade noch eine der letzten Fähren von Toulon nach Ajaccio ergattern konnte.
Das bedeutet zwar, dass ich morgen noch 200 km weiter westlich fahren muss und meine komplette Tourenplanung auf Korsika in die Tonne treten kann, weil ich jetzt in Ajaccio und nicht in Bastia ankomme.
Aber in den letzten Wochen habe ich eine  ganz wesentliche Erkenntnis gewonnen: Es macht  keinen Sinn,  etwas planen zu wollen. Ich denke nicht, dass ich all diesen wunderbaren Dingen hätte begegnen dürfen , wäre meine Urlaubsplanung von Anfang an aufgegangen.

Und in diesem Sinne freue ich mich auf das, was noch so kommt und lasse mich sehr gerne überraschen!

Steij tjund!

Kapitel 8 – Corse – Angekommen

Zugegeben – man hat es dem Autoren nicht ganz leicht gemacht, wirklich dort anzukommen.
Andererseits weiß man Dinge oft dann erst wirklich zu schätzen, wenn sie nicht einfach zu haben waren. 
Wahrscheinlich wäre das bei Korsika wohl anders gewesen. Diese Insel haut einen auch so einfach um.

Doch der Reihe nach!
Nachdem mich meine freundliche und fürsorgliche Reederei Corsica Ferrys, ein Schwesterunternehmen der Coconut Airlines (das ist ein Insider, den man nicht verstehen muss, wenn man das große Glück hat, mich noch nicht länger als 20 Jahre zu kennen), bereits 23 Stunden vor Beginn einer Überfahrt, die ich vor 2 Monaten gebucht und bezahlt hatte,  darüber informiert hat, dass ich wohl irgendwie aus der Verlosung gefallen sein muss, wähnte ich mich kurzfristig am Ende einer bis dahin doch reichlich improvisierten Reise angekommen.
 

Aber sollte es das wirklich gewesen sein? Nach Tagen voller Wasser in den Schuhen, beschlagenen Brillengläsern, dem zähneknirschendem Eingeständnis, dass mit durchnässten Handschuhen eine Griffheizung doch etwas mehr sein könnte als ein nettes Must-have für warmduschende Beckenrandschwimmer, die in der Midlife-Crisis ihre Easy-Rider-Erinnerungen romantisieren –  nach alldem einfach so umkehren?
Nicht mit mir! Also ran ans Telefon, um in einer in französischer Sprache gehaltenen Ansage wahrscheinlich zu erfahren, dass ich außerhalb der Geschäftszeiten anrufe. Wenigstens klang das für jemanden, dessen Eltern ihm bei der Wahl der zweiten Fremdsprache einmal eingetrichtert hatten, dass man sich durch den Erwerb altphilologischer Sprachgrundlagen auf der ganzen Welt verständigen könne, so ähnlich. Und es war ja auch Sonntag (In Frankreich nehmen sie Gewerkschaften noch ernst!)
Dumm nur, wenn die Fähre bereits montags abfahren soll. Da kam meine bekanntermaßen linksgrünversiffte Seele in einen ernsthaften Gewissenskonflikt.
Sei’s drum! Also ran ans Internetz und erst einmal durch viele französisch formulierte Werbungen geklickt, bis ich auf einen Link gestoßen bin, der irgendwie nach Unterstützung bei ausgefallenen Transporten klang.
Und siehe da: Es wurde mir geholfen. Naja. Etwas musste ich auch schon selbst beitragen – schließlich ist das Leben ja doch kein Ponyhof.
Nachdem ich durch Anklicken einer Checkbox, ohne die der untere confirmer-Button kränklich blass wirkte, glaubhaft versichert habe, dass ich auf Lebzeiten keinerlei Rechtsansprüche gegen die Reederei und all ihre Verwandten geltend machen würde, bekam ich eine Ersatzüberfahrt in Toulon.
Anscheinend hatte man auch in der Reederei schon davon gehört, dass das sittenwidrige Ausnutzen einer Zwangslage rechtlich nicht bindend ist, denn nachdem ich die freundliche, brünette, früher sicher einmal sehr adrette Dame beim Check-In zum fünfzehnten Mal gefragt hatte, ob ich wirklich mitgenommen würde und  auch ganz sicher eine Kabine reserviert worden war, übergab sie mir meine Zimmernummer und zusätzlich noch einen Voucher über 50 Euro!
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Natürlich weiß jeder, der mich kennt, um meine Unbestechlichkeit! Aber man sollte die ohnehin ja schon sehr belasteten Gerichte ja auch nicht überstrapazieren …

So! Damit ist der Chronistenpflicht genüge getan, und wir können endlich zum Wesentlichen kommen.
Es ist unfassbar schön hier. Schade, dass man diese vielfältigen Gerüche, die einem um diese Jahreszeit ständig um die Nase wehen,  in Fotos nicht übermitteln kann.
Aber vielleicht vermögen sie dennoch einen Eindruck von der Vielfältigkeit der Natur hier zu vermitteln. Mal karg und rau (mir tut das auch weh, das „h“ wegzulassen, aber schließlich geht man ja mit der Zeit), dann wieder üppig und in saftigstem Grün.

Gleich zu Beginn meines Viertagetrips wurde ich dann auch auf eindrückliche Weise daran erinnert, dass man die Schönheit dieser Insel nur wirklich erfahren darf, wenn man auf sich, die Anderen und vor allem auch auf die Insel selbst Acht gibt.

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Und es war gut so. Denn Leichtsinn ist auf den Straßen Korsikas wirklich der schlechteste Wegbegleiter. 

Da ich nicht wie geplant (lustiges Wort, ich weiß gar nicht mehr, wo ich das jetzt hergeholt habe – eigentlich sollte sich es mittlerweile nicht mehr in meinem Wortschatz befinden.) in Bastia, sondern in Ajaccio ankam, musste ich auch die Touren anders gestalten.
Am ersten Tag ging es dann von Ajaccio in Südwesten in den Nordosten nach Bastia.

So vielfältig hier die Landschaft hier ist, so unterschiedlich sind auch die Straßen. Mal führen sie breit und neu ausgebaut durch Landstriche mit Wäldern und Seen, dann wieder ein schmaler, steiler Gebirgspass, bei dem ich mich ohne calimotos Vorhersage des Straßenverlaufs ehrlich gesagt schwergetan hätte. Denn es gibt dort oben keine befestigten Bankette und schon gar keine Leitplanken, wenn es rechts  von dir mehrere hundert Meter in die Tiefe geht.
Dazu ist die Straße kam zwei Meter breit, sodass man in Linkskurven gut beraten ist, sie möglichst weit rechts anzufahren, um potentiellem Gegenverkehr genügend Raum zu lassen.
Das mulmige Gefühl, das einen dabei begleitet, schützt einen wie vielleicht auch ein fortgeschrittenes Alter vor übermütigen Aktionen. In diesem Geläuf wirklich keine gute Idee.
Ich hab die in einer solch schroffen Gegend eher seltenen Parkmöglichkeiten gerne genutzt. Nicht nur, um Fotos zu machen. Auch meinen Puls konnte ich durch die Pausen wieder in den Normalbereich bringen.
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Dann aber wieder verkehrsreiche Pisten über tiefen Schluchten, auf denen keine Anhalten möglich ist, obwohl man ihre Schönheit doch so gerne eine Weile genießen würde.
Nicht schlimm! Korsika hat genug davon zu bieten. Hinter der nächsten Kurve wartet schon eine neue atemberaubende Überraschung.
Als ich nachmittags in Bastia ankam, war ich zum ersten Mal müde und geschafft vom Fahren und den unglaublich vielen und wechselhaften Eindrücken.

Morgen geht’s über das korsische Nordkap in die Mitte der Insel nach Corte.
Stej Tjund!

Kapitel 9 – Die Traumstraße

Ja, ja, ich weiß!
Die Superlativen in meinen Reiseberichten überschlagen sich, und das Wort „Traumstraße“ wurde schon so oft überstrapaziert, dass es kaum noch einen Hund hinter dem Ofen hervorzulocken vermag.
Und auch die Fotos können nur einen winzigen Eindruck davon wiedergeben, was eine solche Traumstraße ausmacht.
Denn es sind nicht nur die wirklich spektakulären Aussichten, die den Motorradfahrer berauschen, es ist das unvergleichliche Erlebnis, das einem eben nur dieses Vehikel schenken kann.
Da ist der warme Wind, die Sonne, die ständige Präsenz von sich im Minutentakt abwechselnden Düften der Flora und – ja sicher, manchmal halt eben auch der Fauna! Ich habe noch nie verstanden, was an richtig uriger Landluft schlimm oder gar hässlich sein soll.
Vor allen Dingen jedoch ist da dieser Flow, der einen von Kurve zu Kurve trägt, der das Motorradfahren in seiner einzigartigen Verschmelzung der Sinne ausmacht.
Ich muss zugeben, dass  heute früh noch zwei Herzen in meiner Brust schlugen. Die Tour gestern war zwar immer wieder spektakulär, doch durch den Anspruch, den sie an den Fahrer gestellt hat, auch ziemlich anstrengend.
Und als ob Korsika das bemerkt hätte, lockte die Insel mich mit dem Nordkap auf eine ganz neue Erfahrung.
Es war einfach unbeschreiblich. Die Straße ist breit genug, um Platz für alle zu haben – auch wenn einmal ein Bus um die Ecke kommt. Und so kann man sich einlassen und einfach nur seine eigene Pace fahren.
Rechts von mir unglaubliche, bizarre Felsformationen, links von mir die atemberaubende Aussicht auf das Meer und im Hintergrund die noch immer schneebedeckten Gipfel von Korsikas höchsten Bergen.
Dazu immer wieder diese Gerüche und der Ausblick auf malerisch in die Landschaft eingepasste kleine Orte.
Früh am Morgen war das alles noch ziemlich menschenleer, die Cafés, die die Reisenden tagsüber empfangen, hatten noch geschlossen.
Als ich mich wieder einmal gezwungen hatte, anzuhalten, um wenigstens zu versuchen, einige Momente auf Fotos festzuhalten, kam   eine ältere Französin, die ich erst gar nicht gesehen hatte, hinter einem Fels vor, von wo sie ebenfalls fotografiert hatte. Sie lächelte mir unter ihrem Helm zu, und hatte Tränen in den Augen.
„It’s a dream!“, war alles, was sie kopfschüttelnd sagen konnte.
Und sie hatte recht. Mehr gab es dazu auch nicht zu sagen.

Wer jemals nach Korsika kommt, sollte unbedingt die Westseite des Kaps früh am Morgen fahren. Die Ostseite kann da nicht mithalten, daher habe ich auch die Seite wieder gewechselt, bin quer durch das Kap wieder zurück und bin – was ich noch nie gemacht hatte – die Straße am selben Tag ein zweites Mal gefahren.
Diesmal war sie etwas frequentierter, es ging auf die Mittagszeit zu. Also habe ich mir eine Pause in einem der netten kleinen Lokale gegönnt, und bin dann in die Berge Richtung Corte abgebogen, bevor der große Andrang auf das Kap zurollte.

Auf Bild klicken, um Calimoto-Tourdaten zu erhalten.

Als ich am Abend hier in Corte ankam, war ich kein bisschen müde oder erschöpft. Auch dass es kurz vor der Ankunft wieder einmal kurz zu regnen begonnen hatte, machte mir nichts aus.
Ich hatte einfach nur dieses Grinsen im Gesicht, das alle Mopedfahrer kennen.

Ja, es war ein Traum. Aber einer, der lange nachhallen wird.

Die Traumstraße

Auffahrt nach Corte

Kapitel 10 – adieu corse!

oder Schö immer no nä pa parl frongsä…😁

… und das wird wohl auch nichts mehr.

Kann es sein, dass mehr als ein ganzes Jahrhundert kriegerischer Auseinandersetzungen einfach nur an der Inkompatibilität zweier Sprachen gelegen hat?
Ganz ehrlich, ich habe mein bestes gegeben! Und wer mich noch aus meiner Schulzeit kennt, weiß, wie viel das sein kann.🤣
Aber was, zur Hölle, reden die denn da?
Ihr fröhlicher und aufgeschlossener Blick lässt vermuten, dass es etwas wirklich Nettes ist, und dass diese Menschen tatsächlich bereit sind, mir etwas Gutes zu tun. Doch so sehr ich mich auch bemühe – aus ihren genuschelten Vokalen und den für mich unkoordinierten Zischlauten – die im Übrigen regional deutlich abweichen können –  kann ich einfach nichts heraushören, das in den Ohren eines altphilologisch verbildeten (s. Kapitel 8) Boomers irgendwie vertraut klingt. Ich habe Jahre gebraucht, um zu begreifen, dass die mich nicht anbellen, sondern dass das Wort ouï nur im deutschen gymnasialen Umfeld „[wi]“ ausgesprochen wird. Ein französischer Muttersprachler bellt dir stattdessen ein ziemlich bedrohlich wirkendes „WÄ“ entgegen.
Weil ich, wie man weiß, gelernt habe, in allen Lagen höflich zu bleiben, starte ich den Versuch, meiner Hilflosigkeit  in solchen Situationen etwas Würde und Anstand zu verleihen und antworte dann verlegen lächelnd mit einem aus Respekt vor der Muttersprache meines Gegenübers für meine Verhältnisse ziemlich perfekt klingenden „Schö nä pa parl frongsä.“
Als Pragmatiker biete ich auch umgehend eine für mich auch vollkommen passende Option für einen Ausweg aus dem entstandenen Kommunikationsdilemma mit an, indem ich umgehend ein hoffnungsschwangeres „Du ju schpiek inglisch?“ hinterherschiebe.
Kennt jemand von euch auch den Blick einer – bis zu diesem Zeitpunkt noch beruflich äußerst engagierten – jungen Lehrerin, wenn sie euch liebevoll aufmunternd zulächelnd eine Frage gestellt hatte, von der sie annehmen musste, dass selbst ihr sie beantworten könntet,  euer Lösungsangebot jedoch auf schallendes Gelächter der gesamten Klasse gestoßen ist?
Mag ja sein, dass es daran liegt, dass sich meine französischen Freunde  durch meine vielleicht doch nicht so ganz lupenrein wie gewollte Artikulation etwas provoziert fühlen, vielleicht könnte ein Grund auch darin liegen, dass ich  mit meinem auf der englischen Sprache basierenden Alternativvorschlag gleich noch einen weiteren Erbfeind ins Feld geführt  habe – jedenfalls erinnert mich deren Reaktion doch sehr an die meiner schulischen Erziehungsbeauftragten, die sich einfach nur angewidert von mir abwendeten und mit einer kopfschüttelnd abwinkenden Geste  „Okay, ich hab es wenigstens versucht!“ seufzten.

Natürlich habe ich hier letztendlich doch immer bekommen, was ich wollte. Oder zumindest so etwas Ähnliches.
Wenn beispielsweise mein altphilologisch geschulter Zeigefinger auf einen Menüpunkt in der Speisekarte deutete, den ich mir vorsichtshalber zuvor auf PONS hatte übersetzen lassen (man hört ja die schlimmsten Dinge, was die hier so alles essen!).
Oder ich habe, wie viele ältere Touristen hier, einfach die  in Scharadespielen erworbenen Fähigkeiten zur lautlosen Kommunikation eingesetzt – allerdings nur, wenn ich mich mit meinen Gesprächspartner*innen alleine wähnte.

Wie dem auch sei …
So sehr ich bedauere, diese wilde und unsagbar schöne Insel morgen verlassen zu müssen, so sehr freue ich mich, wieder italienischen  Sprachboden unter den Füßen zu haben.
Auch wenn ich Italienisch nur ziemlich dilettantisch zu sprechen vermag, verstehen tu ich sie eigentlich recht gut (nicht nur sprachlich), und das schützt vor Blicken, die traumatische Erinnerungen an meine Schulzeit antriggern.

Kommen wir nun endlich zu meiner letzten größeren Tour hier in Korsika, denn morgen ist der Strand zwischen Porto Vecchio und Bonifacio angesagt, von wo aus ich dann auch die Insel mit der Fähre gen Sardinien verlassen werde.

Es begann früh morgens um sieben wollte ich eigentlich von Corte aus das Restonica-Tal bis ganz nach hinten fahren. Doch nach fünf Kilometern war leider Schluss. Die Straße ist ab da gesperrt, was ich  auch ganz gut finde. Vielleicht sollten wir viel mehr kostbare Schönheiten davor schützen, achtlos konsumiert  zu werden. Wer sie wirklich erleben will, sollte sie erwandern, nicht erfahren.
Nebenbei bemerkt: Für Menschen mit Handycap gibt es übrigens einen täglich verkehrenden Shuttle-Service.
Doch auch schon die ersten fünf Kilometer lassen den bezaubernden Charme dieser Schlucht erahnen. 
Hier erst einmal ein weiterer Versuch, die Fahrt zu dokumentieren:

Meine selbstgebastete GoPro😂! Diesmal hielt ich die Kamera nicht wie in am Var in der Hand, sondern hatte sie in meine Motorradjacke gesteckt.

Und noch ein Blick in die Schlucht:

 

 

So, das war es für heute.
Da ich euch aus ästhetischen Gründen Bilder von mir am Strand vorenthalten möchte, bekommt ihr den Bericht der Abschiedstour von Corte nach Porto-Vecchio dafür morgen.
Würde sonst auch zu lange werden, denke ich.